Programm 2022

2021
13.–14.01.2022 / resonanzraum
13.–14.01.2022 / resonanzraum

Here Comes Everybody, alias Humphrey Chimpden Earwicker, Zentralfigur in James Joyce’ legendärem Finnegans Wake, ist einer, und doch wir alle zugleich. John Cage, auf der Suche nach der Befreiung der Musik von allen Fesseln, war fasziniert von Finnegans Wake und der allumfassenden Gestalt von HCE. Das Non-Piano/Toy Piano Weekend 2022 zieht eine direkte Linie von Here Comes Everybody über John Cage zu unserer heutigen Welt. Nach 2 Jahren Vorsicht, Abschottung und Isolation fordert das Miteinander seinen Raum. Und will sein Fest, so prall, bunt, divers und verrückt wie unsere vernetzte Welt eigentlich doch ist.

Alles beginnt im heimischen Wohnzimmer mit John Cages Living Room Music. Chipstüten, Gläser und Küchenutensilien entpuppen sich unter den Händen der vier Musiker als subtilste Musikinstrumente. In Pamela Z’s No Baggage und Notice of Baggage Inspection versuchen wir einen Flieger zu besteigen, scheitern aber an einem unüberwindbaren Wall von Vorschriften und unvermuteten Hindernissen. Wie viele Friseurtermine fielen dem Lockdown zum Opfer? Ein Friseurbesuch hat seine Selbstverständlichkeit verloren, um so vergnügter aber zelebriert Hamburgs Vidal Sassoon-Starfriseur Raphael in Steffen Wolfs The Cut einen choreographierten Haarschnitt zu Toy Piano-Musik. In Sascha Lino Lemkes ‘Les Petits Riens’ serviert uns eine singende Barkeeperin eine Reihe von klanglichen und gestischen Nichtigkeiten.

 Und unser gesamtes Leben ist mehr denn je von Vorschriften bestimmt, folgerichtig besteht auch Sara Glojranics Latitudes aus einer Folge lexikalischer Bildschirmanweisungen die der Pianist penibelst ausführen muss. Alle diese alltäglichen Absurditäten lassen einen Besuch beim Therapeuten ratsam erscheinen, ein Glück dass Pamela Z’s Dr Melfi ein offenes Ohr für unsere Probleme hat. Weiterer Trost, wir sind nicht allein: ein herzerwärmendes indisches Lied, ein herzzereißendes ukrainisches Volkslied, ein Popsong des jungen Hamburger Multitalents Taleja Grossmann, und das ausgelassene Death, Hocket and Roll des jungen kalifornischen Komponisten Thomas Kotcheff umhüllen und versöhnen uns als warmes, kulturelles, globales Dorf.

Prominenter Gast des Festivals ist diesmal Multi-Virtuosin Dorrit Bauerecker. Als Pianistin wie Akkordeonistin wird sie Stücke ihres brandneuen Albums Experimental Music Circus präsentieren, u.a. die langerwartete Fortsetzung von Moritz Eggerts legendärem One Man Band-Zyklus. Ganz im Sinne von Moritz Eggerts vehementem Einsatz für Frauenrechte, bzw. Rechte von Studentinnen, natürlich in der Rolle einer kraftvoll multitaskenden One Woman Band. Gegenpol dazu wird ein Stück von Niklas Seidl über Obdachlosigkeit in Hamburg sein.

Die Querverbindungen aber reichen nicht nur von Joyce zu Cage, oder vom Friseur zum Toy Piano. Wie ein Nukleus inspirierte John Cage verschiedenste Komponist:innen. Mit Bezug auf 4‘33‘‘ schrieb György Ligeti Trois Bagatelles, ein bis heute weitgehend unbekanntes Stille-Stück. Jonathan Harveys Homage to Cage, à Chopin (und Ligeti ist auch dabei) zitiert und ehrt gleich drei große musikalische Heroen. Mit einem Stück über Cages Begegnung mit dem buddhistischen Meister Daisetz Taitaro Suzuki schließt Jeeyun Jang, Kompositionsstudentin an der HfMT Hamburg, diesen Kreis. Und nicht zuletzt beseelt Cages Begeisterung für Finnegans Wake in Katharine Balchs These Intervals Matter oder Jo Kondos Caccia auch einer ganz persönliches Spiel mit den jeweiligen musikalischen Materialien.

2022 will das Non-Piano/Toy Piano Weekend die wiedergefundene Gemeinschaft  feiern.

Im Rampenlicht stehen Wir Alle: unsere Vielfalt, unser Miteinander, unsere Alltagsrituale, das Banale, das Erhabene, und all die aberwitzigen Ereignisse der letzten beiden Jahre. Me Too, ein Leben ohne Friseure aber mit Klopapierrationierung, eine Welt ohne Reiseverkehr. Die globale Pandemie hat uns an vielen Punkten auseinander gesprengt, an manchen aber auch mehr denn je zusammengeschweißt. Es ist Zeit über all dies zu Staunen und zu Grübeln, zu Lachen und zu Weinen, sich den Kopf zu kratzen, und auf die Schenkel zu klopfen. Was hätte Humphrey Chimpden Earwicker alias Finnegan alias Here Comes Everybody in seinen wirren Träumen wohl zu unserer verrückten Welt gesagt?

Mit Werken von Katherina Batch, John Cage, Anthony de Ritis, Casey Cangelosi, Reena Esmail, Moritz Eggert, Sara Glojarnic, Taleja Großmann, Jeeyun Jang, Jonathan Harvey,  Jo Kondo, Thomas Kotchheff, Sascha Lino Lemke, György Ligeti,  Niklas Seidl, Steffen Wolf & Pamela Z.

Programm

Abend 1

John Cage (1912-1992) ‘Living Room Music’ (1940) für 4 Performers 10’
Pamela Z ‘No Baggage from Baggage Allowance’ (2010) for performer 3’
Pamela Z ‘Notice of Baggage Inspection’ (2007)  for piano and tape 1’
Pamela Z ‘Dr. Melfi’ (2007) für Stimme und Klavier 3’
Steffen Wolf (1971) ‘The Cut’  (2020) für Friseur, Bariton und Toy Piano 10’
Katharine Balch ‘These Intervals Matter’ (2020)  für Soprano, Kristallglas und Kies 6’
Sascha Lino Lemke ‘Les petits riens’ (UA) 5 Bar pieces for solo performer and electronics
Thomas Kotchheff (1988)  ‘Death, Hocket and Roll’ (2014)  für 2 toy pianos 6’

Experimental Music Circus
mit Dorrit Bauerecker
Stephen Montague (1943)  ‘Mirabella’ (1995) für Spielzeugklavier 4’
Niklas Seidl (1983) ‘Gichtgriffel und Achterbeene (für Schifferklavier und Fußpedal)’ (2016) 11’
Moritz Eggert (1965) ‘One Woman Band’ (2021) für Klavier, Samples, hochhackige Schuhe, Kaffeemühle Maschine und Herdplatte mit Wasserkessel 6’

 

Abend 2

Sascha Lino Lemke ‘kalimBao’ für Kalimba und Elektronik 7’
Casey Cangelosi ‘Set Up’ für Schlagzeug 7’
Anthony De Ritis ‘Vox Minima Nebulae’ (the imagined sounds of tiny nebulas) UA  für Toy Piano und 4-Lautsprecher-Audio
John Cage ‘Water Walk’ (1960) for solo television performance involving a large number of properties and special single-track tape 4’
Jonathan Harvey (1923-2012) ‘Homage to Cage, á Chopin (und Ligeti ist auch dabei)’ für präpariertes Klavier und CD (1998) 2’
György Ligeti (1923-2006) ‘Three Bagatelles, for David Tudor’ (1961) 3’46
György Ligeti ‘Selbstportrait mit Reich und Riley (und Chopin ist auch dabei)’ (1976) für 2 Klaviere 7’
Jeeyun Jang (1992) UA für Non-Piano Ensemble
Ukrainisches Volkslied Ptytschka-Nevelytschka (‘Kleiner Vogel’) für Stimme
Jo Kondo (1947) ‘Caccia’ (2016) für Toy Piano 5’
Sara Glojarnic ‘Latitudes’ (2020)  für präpariertes Klavier und Video 10’
Reena Esmail ‘Chuti Hui Jahah’ (2015) für Mezzosopran und Klavier
Taleja Grossmann (2000) ‘So Are You’  für Gesang und  Non-Piano Ensemble 7’

Mitwirkende

Dorrit Bauerecker Klavier, Akkordeon, Toy Piano
Bernhard Fograscher, Jennifer Hymer, Daria Karmina-Iossifova, Steven Tanoto  Klavier, Toy Piano, Spielzeuginstrumenten
Taleja Großmann Schlagzeug/Gesang
Steffen Wolf Bariton
Marcia Lemke-Kern Sopran
Anna Vishnevska Mezzosopran
Friseur-Performance Raphael Wachs
Jacob Sello, Sascha Lino Lemke Elektronik
Maike Schuster Regie

 

Mit Werken von 

Annesley Black, Peter Köszeghy, Sascha Lino Lemke, Linda Marcel, Mats O Hansson, Tam Pham, Steve Reich, Manuel Rodriguez Valenzuela, Benjamin Scheuer, Jacob Sello, Fabian Svensson, Steven Tanoto, Frédéric Verriéres